Chronik des Bezirks Holsterhausen
(ehem. Evangelische Stephanus-Kirchengemeinde Holsterhausen)

Wir sind eine kleine Kirchengemeinde mitten im Ruhrgebiet, die, ursprünglich zu Herne gehörend, im Jahr 1904 durch Verfügung der zuständigen Behörden als selbstständige Gemeinde Holsterhausen entstanden ist. Die Zahl der Gemeindeglieder lag bei 2300. Damals versammelten sich die Menschen sonntäglich in einem kleinen Kirchlein. Ein Gemeindehaus stand erst 1928 zur Verfügung. Die Gemeindeglieder waren überwiegend Bergarbeiter. Holsterhausen war die ärmste Gemeinde in Westfalen. Im September 1935 wurde die finanzielle Lage schließlich untragbar, sodass die Zwangsversteigerung des Gemeindehauses anstand. Zur Vermeidung dieser Maßnahme übernahm das kirchliche Konsistorium in Münster die Tilgung der Schulden, die sich auf 95.000 Reichsmark beliefen. Im 2. Weltkrieg wurde im November 1944 die kleine Kirche durch Bomben zerstört, sodass das kirchliche Leben in das Gemeindehaus (Melanchthonhaus) verlegt werden musste.

Nachdem sich bereits 1952 die Überlegungen zum Neubau einer Kirche konkretisiert hatten, wurde 1954 ein geeignetes Grundstück für ein evangelisches kirchliches Zentrum in einem Neubaugebiet im Süden Holsterhausens erworben. Die Pläne für den Neubau der Kirche mit angrenzendem Pfarrhaus und Kindergarten entwarf Professor Oesterlen.


Für die Kirche, die am 23. Oktober 1960 eingeweiht werden konnte, wurde eine besondere Konstruktion aus Stahlbetonstützen gewählt, die den Kirchraum wie ein Zeltgestänge überspannt und an das „Bundeszelt“ im Alten Testament erinnern soll. Eine weitere Besonderheit ist die frei stehende Empore, die nur auf zwei dünnen Stahlbetonstützen ruht und nur teilweise an die Rückwand angebunden ist. Der Glockenturm ist 34 Meter hoch und trägt 4 Glocken, wovon 2 aus der alten zerbombten Kirche stammen.

In Gedenken an den 1945 im Konzentrationslager Dachau verstorbenen Gemeindepfarrer Ludwig Steil, der zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft zu den entschiedenen Vertretern der Bekennenden Kirche in Westfalen gehörte und Führungsaufgaben im westfälischen Kirchenkampf übernommen hatte, erhielt die Kirche den Namen des ersten christlichen Märtyrers: „Stephanuskirche“.

Durch die unter Pfarrer Schlottoff aufblühende Gemeindearbeit wurden die Räume im Gemeindehaus an der Holsterhauser Straße zu klein, sodass ein Neubau erforderlich wurde. Nach dem Verkauf des alten Objektes wurde im Januar 1973 das neue Gemeindehaus, das sich in unmittelbarer Nähe der Kirche befindet, durch Präses Timme vor rund 1000 Gästen eingeweiht. Zu dieser Zeit hatte die Gemeinde eine Gesamtzahl von rund 5000 Mitgliedern.

Inzwischen ist die Zahl der Gemeindeglieder auf ca. 3000 zurückgegangen Seit 2019 ist Ferdinand Kenning Gemeindepfarrer. Das Gemeindeleben ist rege. Die einzelnen Gemeindegruppen arbeiten durchweg selbsständig. Die sonntäglichen Gottesdienste sind geprägt durch viel Musik. Mindestens ein Gemeindechor ist in jedem Gottesdienst vertreten.

Die Selbstständigkeit der Evangelischen Stephanus-Kirchengemeinde Holsterhausen endete zum 1. Juni 2019. Alle Wanne-Eickeler Gemeinden schlossen sich zur Evangelischen Kirchengemeinde Wanne-Eickel zusammen.

Das Landeskirchliche Archiv der Evangelischen Kirche von Westfalen eröffnete am 12. März 2015 im Landeskirchenamt eine Wanderausstellung über Ludwig Steil. Sie erinnert an das Leben und Wirken von Pfarrer Ludwig Steil in der westfälischen Kirche zur Zeit des Nationalsozialismus.

Die Wanderausstellung ist ein gemeinsames Projekt des Lehrstuhls für Kirchengeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Landeskirchlichen Archivs. In Jena wurde ein Teil des persönlichen Nachlasses Steils, der sich noch im Besitz der Familie befindet, von einer Studiengruppe unter der Leitung von Professor Dr. Christopher Spehr, einem früheren Vikar der Stephanusgemeinde, aufgearbeitet.

Professor Spehr hielt den Einführungsvortrag mit dem Thema:

Ludwig Steil – Streiter der Bekennenden Kirche in Westfalen

In Ergänzung dieser Ausstellung erschien im Herbst 2015 im Verlag neukirchener theologie  die Publikation:

Ludwig Steil (1900 - 1945) Nach einem Lebensbild von Gusti Steil

Herausgegeben und mit einer Einleitung versehen von Christopher Spehr. Diese Publikation sucht die Person Ludwig Steils, sein Leben und Werk, in Erinnerung zu rufen und zu einer umfassenden Beschäftigung mit ihm anzuregen.

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Pfarrer Ludwig Steil - Gedenkstätte auf dem Holsterhauser Friedhof

Am 1. Oktober 2004 wurde die Evangelische Kirchengemeinde Holsterhausen 100 Jahre alt. Die dazu erstellte Schrift bietet einen ausführlichen Einblick in die Geschichte der Gemeinde.

Vorwort
Presbyterium

Wie die Gemeinde entsteht, wächst und lebt
Heinz Wilhelm Wehrenbrecht

Bibel und Bekenntnis in der Zeit des Dritten Reiches
Dr. Christopher Spehr

Nachkriegszeit und Kirchenneubau
Helmut Hundertmark und Ulrich Wiegandt

Umbruch und Aufbruch
Heinz Wilhelm Wehrenbrecht

"beschenkt -begabt- beauftragt" - Die jüngste Geschichte
Dieter Berndt

"gemeinsam auf dem Weg" - Herausforderungen und Perspektiven
Eckhard Cramer

"...dass der Lobgesang nicht verstumme" - 100 Jahre Kirchenmusik in Holsterhausen
Dr. Siegbert Gatawis

Chronik des Bezirks Röhlinghausen
(ehem. Evangelische Kirchengemeinde Röhlinghausen)

Das Selbstständigwerden unserer Ev. Kirchengemeinde Röhlinghausen vollzieht sich vor dem Hinter­grund tiefgreifender Umbrüche, hervorgerufen durch Bergbau und Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Gründung der Zechen Königsgrube und Pluto-Thies (1855/56) ließ Röhlinghausen aus einem bis dahin rein ländlichen Gemeinwesen zu einem vom Bergbau geprägten Vorort werden. Der ständige Zustrom fremder Arbeitskräfte führte zu einem sprunghaften Anstieg der Bevölkerung. Zählte man 1875 noch 1.974 Einwohner, so waren es 1895 bereits 4.275, davon etwa die Hälfte evangelischen Glaubens.

So war der Wunsch vieler Gemeindeglieder verständlich, sich von der Muttergemeinde Eickel zu lösen und eine eigene Kirchengemeinde ins Leben zu rufen. Vor allen der Initiative des Vorstehers der kommunalen Gemeinde, Dietrich Göddenhoff, war es zu verdanken, dass die Verhandlungen mit den zuständigen Behörden rasch zum Abschluss gebracht werden konnten und zum 1. September 1895 „die Errichtung einer selbständigen Kirchengemeinde Röhlinghausen“ genehmigt wurde. Sie gehörte wie die Muttergemeinde Eickel bis 1933 zum Kirchenkreis Gelsenkirchen.

Bis zur Jahrhundertwende erfolgten wichtige Schritte auf dem Wege des Gemeindeaufbaus: Die Wahl des ersten Presbyteriums mit Diedrich Göddenhoff als Kirchmeister (1895), die Wahl von Richard Tigges als erstem Pfarrer der Gemeinde (1896), die Einrichtung eines gemeindeeigenen Friedhofs an der heutigen Straße Auf der Wilbe (1896), der Bau eines Pfarrhauses (1898) und vor allem der Kirche an der heutigen Wittenbergstraße, die am 1. Juni 1899 feierlich geweiht wurde. Landwirt Heinrich Stratmann hatte das Grundstück für den Bau von Kirche und Pfarrhaus unentgeltlich zur Verfügung gestellt, Kaiserin Auguste Viktoria schenkte der Kirche zur Einweihung eine Altarbibel, die heute zu dem ältesten Inventar der Gemeinde zählt.

Nach der Jahrhundertwende hielt der Bevölkerungszuwachs unvermindert an. Bis 1914 stieg die Einwohnerzahl Röhlinghausens auf knapp 14.000, davon etwa die Hälfte evangelischen Glaubens. Parallel dazu vollzog sich der weitere innere und äußere Auf- und Ausbau der Gemeinde. Zahlreiche Vereine prägten das Gemeindeleben, zu den ältesten - heute noch bestehenden Gruppen - gehören der Frauenverein (bereits 1885 gegründet, später in Frauenhilfe umbenannt), der Posaunenchor (1900) und der Arbeiter- und Bürgerverein (1904). Bereits 1903 musste die Kirche, die bislang nur aus einem Kirchenschiff bestand, erweitert und der Kirchturm hinzugefügt werden. Der Bau eines Gemeindehauses (1909) mit angeschlossenem Kindergarten an der Stelle, an dem heute das Jugend­heim steht, die Einrichtung einer zweiten Pfarrstelle (1910) und die Fertigstellung eines zweiten Pfarrhauses neben der Kirche sowie die Einteilung der Gemeinde in zwei feste Seelsorgebezirke zeugen des Weiteren von einem regen Gemeindeleben, das auch unter den Folgen des Ersten Weltkrieges zunächst nicht wesentlich litt.

Politische Unruhen, galoppierende Inflation und wirtschaftliche Not kennzeichneten die Nachkriegs­zeit, deren Auswirkungen auch an der Gemeinde nicht spurlos vorübergingen. Erst in den folgenden Jahren setzte eine Phase ruhiger Entwicklung ein, in der man daran denken konnte, fällige Repara­turen und Neuerungen an den Gebäuden vorzunehmen, beispielsweise die Ausstattung des Gottes­hauses mit elektrischer Beleuchtung. 1928 ging das Haus Lutherstraße 5 (heutige Wittenbergstraße) auf die Gemeinde über. Im Erdgeschoss wurde eine Handarbeitsschule für Mädchen eingerichtet, die Räume im Obergeschoss dienten den Gemeindeschwestern als Wohnung. Den älteren Gemeinde­gliedern ist das „Schwesternhaus“ sicherlich noch in guter Erinnerung. Gegen Ende der Weimarer Zeit führten Weltwirtschaftskrise und hohe Arbeitslosigkeit erneut zu fühlbaren Einschränkungen, doch stärkte das andererseits wiederum das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Gemeinde. Vielfältige soziale Unterstützungen in täglichen Notfällen wurden geleistet - von den Pfarrern, den Gemeindeschwestern und den kirchlichen Vereinen. 1930 schlossen sich die evangelischen Gemeinden Wanne-Eickels zu einem Stadtverband zusammen, um ihre Belange und Interessen besser vertreten zu können.

Mit der Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933 setzte verstärkt der Kirchenkampf ein. Die vom Nationalsozialismus unterstützen Deutschen Christen vertraten ein nationalkirchlich, völkisch orientiertes Christentum und versuchten, die Kirche ideologisch zu vereinnahmen. Demgegenüber schlossen sich jene, die sich gegen die Verfälschung des Christentums zur Wehr setzten, in der Bekennenden Kirche zusammen. Innerhalb unserer Gemeinde stellte sich dieser Kampf dar als ein Ringen um die Zusammensetzung des Presbyteriums, die Pfarrstellenbesetzung und die Einfluss­nahme auf die kirchlichen Vereine. Dabei waren die Verhältnisse in Röhlinghausen noch durch eine Besonderheit geprägt. 1933 schied die Gemeinde aus dem Kirchenkreis Gelsenkirchen aus und bildete mit den übrigen Gemeinden den neuen Kirchenkreis Herne. Die Deutschen Christen verschafften sich auf unlauterem Wege eine Mehrheit und wählten Pfarrer Gotthold Krahn zum ersten Superintendenten des neuen Kirchenkreises. Dieser bekleidete nach dem Tode von Pfarrer Hollmann seit 1927 die zweite Pfarrstelle in unserer Gemeinde und war ein eifriger Verfechter der neuen Glaubensrichtung. Insgesamt lässt sich sagen, dass in dem langjährigen Kampf die überwiegende Mehrheit der Gemeinde sich den Versuchen einer Vereinnahmung durch die Deutschen Christen widersetzte und das Bild einer relativ geschlossenen Bekenntnisgemeinde bot. Das war nicht zuletzt Presbytern wie Hermann Eichhofer, Wilhelm Röhlinghaus und Robert Burkert zu verdanken, und auch die kirchlichen Vereine wie die Frauenhilfe oder der Arbeiter- und Bürger­verein unter der Leitung von Christoph Holler leisteten erfolgreichen Widerstand gegen die Unter­wanderung mit nationalsozialistischem Gedankengut.

Zu der inneren Zerrüttung des Gemeindelebens kam die äußere Zerstörung durch den Krieg. 1943 setzten die Luftangriffe verstärkt ein. Gemeindeleben und Vereinstätigkeit kamen weitgehend zum Erliegen. Das Gemeindehaus wurde gänzlich zerstört, die Kirche mehrmals getroffen. Beim Angriff am 6. November 1944 war die Vernichtung nahezu vollständig: Nur der stark beschädigte Turm und Teile des Außenmauerwerks des Kirchenschiffs blieben stehen. Beide Pfarrhäuser fielen am gleichen Tage den Bomben zum Opfer: Das erste Pfarrhaus brannte aus, das zweite wurde restlos zerstört. Und schließlich wurde das Schwesternhaus bei dem letzten schweren Angriff auf Röhlinghausen am 23. Februar 1945 stark beschädigt.

Am 10. April 1945 rückten amerikanische Soldaten in Röhlinghausen ein. Der Krieg und die unselige Zeit des Nationalsozialismus waren vorbei.

Röhlinghausen bot bei Kriegsende ein trostloses Bild. Viele Menschen lebten in Kellern, Bunkern und Notunterkünften. Zu dem Leid um die Gefallenen und der Ungewissheit über das Schicksal der Vermissten kamen der tägliche Hunger und die ständige Sorge ums Überleben. Auch die evange­lische Kirchengemeinde stand praktisch vor dem Nichts. Es war eine Zeit bitterer Not, aber auch neuer Hoffnung.

Schon im Verlauf des ersten Nachkriegsjahres begann man, Spuren eines neuen Anfangs zu legen. Zunächst baute man das halb zerstörte Schwesternhaus wieder auf, um im Untergeschoss einen Gottesdienstraum einzurichten. Am Heiligen Abend 1946 konnte Pfarrer Hans Willms, der seit 1942 die durch den Tod von Pfarrer Tigges vakante Pfarrstelle bekleidete, den ersten Gottesdienst abhalten. 1948 wurde das Pfarrhaus (Auf der Wilbe) wieder hergerichtet, die Wohnungen vorüber­gehend mit Mietern belegt. Im gleichen Jahr fanden die ersten Presbyterwahlen nach dem Kriege statt, Kirchmeister blieb Wilhelm Röhlinghaus. Im Januar 1950 wurde Pfarrer Fritz Hütt als Nach­folger für den ins Sauerland verzogenen Pfarrer Willms in die erste Pfarrstelle eingeführt, er bezog die Wohnung im ehemaligen Schwesternhaus.

Nach kriegsbedingtem Rückgang war die Bevölkerung in den 50er Jahren wieder in einem ständigen Wachstum begriffen. Der Bergbau erlebte noch einmal eine Blütezeit, das in Röhlinghausen ansässige Mannesmann-Werk entwickelte sich zu dem größten metallverarbeitenden Betrieb in Wanne-Eickel. So nimmt es nicht wunder, dass die Seelenzahl der evangelischen Gemeinde von 4.500 im Jahre 1950 auf 7.277 im Jahre 1960 stieg.

Der Notkirchenraum erwies sich bald als zu klein. Stimmen wurden lauter, die sich trotz aller finanziellen Engpässe für einen baldigen Aufbau der zerstörten Lutherkirche aussprachen. Landeskirche, Kreissynode und der Opferwille der Gemeinde trugen dazu bei, dass am Reformationstag, am 31. Oktober 1954 die feierliche Einweihung der Kirche mit mehr als Tausend Gläubigen erfolgen konnte.

Auch ansonsten waren die 50er Jahre ausgefüllt mit fleißiger Aufbauarbeit und Stärkung des Gemeindelebens. Die ältesten Vereine hatten schon kurz nach dem Kriege ihre Tätigkeit wieder aufgenommen: so die Frauenhilfe (unter Else Wank), der Arbeiter- und Bürgerverein (unter Heinrich Klippert) und der Posaunenchor (seit 1954 unter Walter Neumann). 1955 rief Pfarrer Hütt den Jungmütterkreis ins Leben, später in „Abendkreis der Frauenhilfe“ umbenannt.

Vor allem die Jugendarbeit entwickelte sich zu einem Aktivposten der Gemeinde. Freizeiten und Ferienlager wurden durchgeführt, „Bunte Abende“ veranstaltet, eine eigenen Band unter dem Namen „Nobile Combo“ gegründet und viele Jahre hindurch eine jugendeigene Zeitschrift („Unser Weg“) herausgegeben. Der Eichenkreuzsport nahm einen breiten Raum ein. Mittelpunkt der Jugend­arbeit bildete eine von der Zeche Königsgrube erworbene alte Baracke, die auf dem Gelände des zerstörten Gemeindehauses errichtet wurde. Dass die Jugendarbeit in diesen Jahren einen solch lebhaften Auftrieb erfuhr und vielfältige Spuren hinterließ, war nicht zuletzt dem Einsatz und Engagement Pfarrer Kurt Wernickes zu verdanken, der 1956 in die zweite Pfarrstelle der Gemeinde gewählt wurde und seinen Dienst in Röhlinghausen bis 1963 versah.

Um der Jugend und mit ihr der Gemeinde eine geräumigere und dauerhaftere Heimstätte zu geben, beschloss das Presbyterium einstimmig die Errichtung eines Jugendheimes mit Gemeindesaal, mehreren Gruppenräumen und einer Hausmeisterwohnung auf dem Gelände des alten Gemeinde­hauses. Am 26. Februar 1961 erfolgte die feierliche Einweihung des neuen Heimes im Rahmen einer Festwoche, die ausschließlich von Mitgliedern der Jugendgruppen gestaltet wurde. Die alte Baracke hatte ihre Schuldigkeit getan.

Nachzutragen wäre noch die Fertigstellung der Trauerhalle auf dem Gemeindefriedhof im Juni 1958.

In der ersten Hälfte der 60er Jahre war der Wiederaufbau der Gemeinde im Wesentlichen abge­schlossen. Auch fühlbare personelle Veränderungen und ein in dieser Zeit beginnender tief­greifender Strukturwandel in Röhlinghausen markieren einen deutlichen Einschnitt im Leben der Gemeinde.

Bereits bei den Presbyterwahlen im Jahre 1960 waren fünf der acht Presbyter ausgeschieden, unter ihnen mit Wilhelm Röhlinghaus und Hermann Eichhofer zwei Mitglieder, die das Gemeindeleben drei Jahrzehnte lang entscheidend mitbestimmt hatten. Neuer Kirchmeister wurde Karl Nieder­bäumer, 1969 gefolgt von Walter Neumann. Im Abstand von drei Jahren vollzog sich sodann ein Wechsel innerhalb beider Pfarrstellen. Nach dem Weggang von Pfarrer Wernicke ins sauerländische Valbert wurde Gerhard Dedecke im Dezember 1963 in die zweite Pfarrstelle eingeführt. Im März 1966 trat Pfarrer Hütt in den wohlverdienten Ruhestand. Als sein Nachfolger wurde Pfarrer Hubert Schlug Ostern 1968 in sein Amt eingeführt. Er bezog das mittlerweile neu erbaute Pfarrhaus Luther­straße 1a (heutige Wittenbergstraße). Personelle Veränderungen gab es auch in anderen Bereichen. Seit Mai 1964 führte Frau Niederbäumer (bis zu ihrer Verabschiedung im Jahre 1990) das Gemeinde- und Friedhofsamt, und mit dem altersbedingten Ausscheiden der Eheleute Guse wurde Rudolf Ziegler 1965 als hauptamtlicher Küster angestellt, nachdem er zuvor schon als Hausmeister im neuen Jugendheim tätig war.

Das alles muss vor dem Hintergrund tiefgreifender struktureller Umbrüche gesehen werden. Die Rezession des Bergbaus setzte ein. Der wirtschaftliche Niedergang machte auch vor der einst blühenden Bergbaustadt Wanne-Eickel und ihren Ortsteilen keinen Halt. 1963 wurde Schacht Pluto-Thies verfüllt, das Fördergerüst abgerissen. 1967 stellte die Zeche Königsgrube nach 112 Jahren ihren Betrieb ein. Ende der siebziger Jahre sollten das Mannesmann-Werk und die Zeche Pluto-Wilhelm folgen. Das brachte Änderungen unter den Gemeindegliedern durch berufliche Umstellung, längere Arbeitswege, Vorruhestand oder vermehrte Arbeitslosigkeit, was neben Abwanderung und sinkender Geburtenrate dazu führte, dass die Gemeindezahl in den kommenden Jahren und Jahr­zehnten langsam, aber stetig sank. Zunächst erhöhte sich die Zahl jedoch leicht, als Anfang 1966 etwa 300 Einwohner - vornehmlich aus der alten Königsgruber Kolonie -, die bislang zur Ev. Gemeinde Hordel gehört hatten, zum Pfarrbezirk Röhlinghausen kamen.

Was Gottesdienst und Gottes Haus in dieser Zeit betraf, so bleibt zu erwähnen, dass im November 1966 der sonntägliche Frühgottesdienst durch einen Abendgottesdienst am Freitag ersetzt und ein Jahr später der Turmhelm der Lutherkirche erneuert und mit einem neuen Kreuz versehen wurde.

Und noch eine - wenn auch für lange Jahre letzte - Veränderung gab es an der Spitze der Gemeinde. 1969/70 verlässt Pfarrer Dedecke Röhlinghausen. Die verwaiste Pfarrstelle konnte zwar nicht sofort wieder besetzt werden, doch gelang es Pfarrer Schlug, den Gemeindediakon Werner Kurbjuhn aus der Nachbargemeinde Wanne-Süd für den Dienst in Röhlinghausen zu gewinnen. Er wurde am 12. Juni 1970 durch Superintendent Schwarz eingeführt und bezog mit seiner Familie die frisch renovierte Wohnung im alten Pfarrhaus.

Für viele Jahre sollte nun eine personelle Kontinuität bestehen, die der Gemeindearbeit zugute kam und neue Akzente setzte. So waren im Oktober 1971 erstmals alle Jubilare zur Feier der Goldenen Konfirmation geladen; sie findet seither alle zwei Jahre statt. Im gleichen Jahr ging der erste Gemeindebrief in Druck. 1972 verwirklichte man die Idee einer Altenstube. Durch den Verkauf des ehemaligen Schwesternhauses konnte das neue Pfarrhaus (Auf der Wilbe 53) errichtet werden. Die nun freigewordenen Räume im alten Pfarrhaus wurden zu einer Stätte der Begegnung umgestaltet, die unter dem Namen „Altendank“ bis in die jüngste Zeit hinein ein Begriff war und von Hannelore Bogusch und Hildegard Lukaschewski geleitet wurde. 1974 feierte man das erste Gemeindefest mit Gottesdienst und vielfältigen Aktivitäten rund ums Jugendheim. Nicht zu vergessen auch die in die Weihnachtsferien fallenden, von Pastor Kurbjuhn initiierten und durchgeführten Familienfreizeiten in Going in Tirol, die sich jedes Jahr großer Beliebtheit erfreuten.

Nach seiner Ausbildung als Prediger und erfolgter Ordination übernahm Pastor Kurbjuhn ab dem 15. Februar 1975 offiziell die Pfarrstellenverwaltung des Nordbezirks, den er bisher nur „betreut“ hatte. Damit waren beide Pfarrstellen wieder besetzt. Als Reinhold Braun im gleichen Jahr Kirch­meister wurde, verstärkte das die kontinuierliche Arbeit in vielen Bereichen, zumal er ein Jahr zuvor die Leitung des Arbeiter- und Bürgervereins übernommen hatte und dieses Amt 26 Jahre hindurch ausüben sollte. Für Beständigkeit im Wandel der Zeiten sorgte auch Günter Hiensch, der 1977 von Hartmut Neumann das Organistenamt übernahm und schließlich für 15 Jahre mit dem Frauenchor und dem gemischten Chor der federführende Kirchenmusiker der Gemeinde blieb.

Drei Initiativen sollen noch - stellvertretend für manch andere Aktivität - erwähnt werden. Zum einen der vom Ehepaar Kurbjuhn 1977 ins Leben gerufene Familienkreis, der jahrelang Gemeinde­glieder von Röhlinghausen und Wanne-Süd zusammenführte; zum anderen der Ausbau der Ökumene mit unserer katholischen Nachbargemeinde St. Barbara. Gemeinsame kirchenmusi­kalische Veranstaltungen, Friedensgebete, vor allem aber gemeinsame Bibelwochen wurden zu einer ständigen Einrichtung. Und nicht zuletzt: Der Neubau des Kindergartens an der Turmstraße, der bereits im Mai 1971 seinen Betrieb aufnehmen konnte, zunächst unter der Leitung von Ilse Balbach, seit 1981 unter Ute Hanschmann.

Dass in all den Jahren weitere - teilweise recht kostenintensive - Renovierungs- und Instand­haltungsarbeiten anfielen, sei nur am Rande vermerkt. So am Kindergarten und am Jugendheim, vor allem aber an der Kirche: Das Dach wurde in Kunstschiefer eingedeckt (1978), der Turm als Ganzes saniert (1982), das Kircheninnere umfangreich renoviert (1985).

Mitte der 80er Jahre gab es wieder einschneidende Veränderungen personeller Art. Am 1. Januar 1984 übernahm Herbert Wieschollek das Amt des Küsters und gründete im gleichen Jahr den heute noch bestehenden gemeindeinternen Tischtennisverein EK Röhlinghausen 84, der in der jährlich stattfindenden CVJM-Spielrunde über die Gemeindegrenzen hinaus sportliche Kontakte pflegt.

Betroffen, ja erschüttert war die Gemeinde von den Ereignissen in der Familie Kurbjuhn. Im Konfirmationsgottesdienst am 24. April 1983 erleidet Ilse Kurbjuhn einen Gehirnschlag, an dessen Folgen sie wenige Wochen später im Alter von 46 Jahren stirbt. Im August 1985 wird Werner Kurbjuhn durch einen Schlaganfall dienstunfähig, geht zum 1. Oktober 1987 in den vorzeitigen Ruhestand und stirbt ein Jahr später im Alter von 56 Jahren. Beide hinterlassen eine kaum zu schließende Lücke in der Gemeindearbeit.

Für die vakante zweite Pfarrstelle konnte Pfarrer Schlug Pastor Peter Jendral gewinnen, die Amts­einführung erfolgte am 17. Januar 1988. Doch schon eine Woche später verabschiedete die Gemeinde Pfarrer Schlug in den wohlverdienten Ruhestand. Sein Nachfolger wurde Rüdiger Funke, mit dessen Amtseinführung am 15. Oktober 1989 auch die erste Pfarrstelle wieder besetzt war.

Der Wechsel innerhalb beider Pfarrstellen wird in den folgenden Jahren begleitet von einer Ausweitung der innergemeindlichen Angebote mit neuen Aufgaben und Arbeitsschwerpunkten, vor allem in der Kinder- und Jugendarbeit.

Durch Einführung eines Lektorendienstes und der Zurüstung von Presbytern zur Austeilung des Abendmahls sollte sich der Gottesdienst der Beteiligung von Gemeindegliedern öffnen. 1989/90 begann die Aktion „neu anfangen - Christen laden ein zum Gespräch“, ein volksmissionarisches Projekt des Kirchenkreises mit dem Ziel, engere Kontakte zur Gesamtgemeinde herzustellen. Zur gleichen Zeit konnte durch Einstellung einer hauptamtlichen Jugendreferentin (Dagmar Grolman) die Jugendarbeit erheblich intensiviert werden. Das erstmals 1991 begangene ökumenische Gemeindefest und die einige Jahre später einsetzende ökumenische Jugendarbeit knüpften das Band zwischen den beiden Kirchengemeinden Röhlinghausens noch enger. Ein Obdachlosen-Projekt und Leukämie-Hilfe zeugten von einem verstärkten Engagement im sozial-diakonischen Bereich.

1994 war für die Kirchengemeinde in personeller Hinsicht kein leichtes Jahr. Walter Neumann legte nach vier Jahrzehnten die Leitung des Posaunenchores nieder. Presbyterium und Gemeinde waren froh, mit Elmar Witt einen neuen Leiter, mit Susanne Franken eine neue Dirigentin für den Frauen­chor und mit Markus Prygodda einen neuen Organisten und Dirigenten für den gemischten Chor gefunden zu haben. Im gleichen Jahr trat Manfred Martiner seine Stelle als Küster und Hausmeister an, nachdem Herbert Wieschollek vier Jahre zuvor bei der Vorbereitung des Gemeindefestes so schwer verunglückt war, dass er seinen Dienst nicht mehr ausüben konnte.

Schließlich wurde am 11. September 1994 das mit einem neuen Anbau versehene und nahezu vollständig renovierte Jugendheim seiner Bestimmung übergeben und damit die Voraussetzung für eine sich ausweitende Jugendarbeit geschaffen.

Ein Jahr später konnte die Gemeinde ihr 100-jähriges Bestehen feiern.

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